Praxistest Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410

Das praktische an den meisten hochwertigen Stativen ist die Möglichkeit, den Stativkopf abnehmen und durch einen anderen ersetzen zu können. So auch bei den Manfrotto-Stativen, wie meinem Manfrotto 190 XPROB. Warum ich das erwähne? Weil ich heute in diesem Praxistest einen ungewöhnlichen Stativkopf vorstellen möchte, den ich schon seit längerem sehr gern im Einsatz habe. Es handelt sich um den Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410, den ich auf meinem 190er Stativ insbesondere für Aufträge unterwegs von Architektur und Interieur (Innenaufnahmen) benutze. Hier also meine Meinung zu dem Produkt, das ich vor mehreren Jahren bei Calumet in München gekauft habe.

Ausstattung | MontageVerwendungHandhabung | Stabilität | Fazit | Technische Daten

 


Ausstattung

Mit einem Eigengewicht von 1,22 kg ist der Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410 schwerer, als so manches Stativ. Das liegt einerseits an der aufwendigen Mechanik und andererseits an der sehr robusten Konstruktion aus Aluminium. Da verwundert es nicht, daß der Kopf eine Traglast von 5,0 kg hat. Er ist, wie gesagt sehr robust gebaut, enthält eine große Manfrotto Schnellwechselplatte 410PL und wird mit dem üblichen 3/8″-Gewinde auf das Stativ geschraubt.

Er besitzt an der Oberseite eine Libelle, um die Kamera waagerecht auszurichten und drei Doppelknöpfe, um die Kamera in den drei Achsen horizontal, vertikal und axial bewegen, also kippen, neigen und schwenken zu können. Zu den Doppelknöpfen später mehr.

Manfrotto Junior Getriebeneiger MA410Karl H. Warkentin | STATIV LEXIKON
Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410

 


Montage

Die Montage des MA410 ist denkbar einfach. Das einzige, was man benötigt, ist ein Schraubendreher für Schlitzschrauben in der Größe S4 oder S5 (4-5 mm). Damit löst man die drei Madenschrauben an der Unterseite des vorhandenen Stativkopfes. Anschließend kann man den Stativkopf gegen den Uhrzeigersinn vom Stativ abschrauben. Dafür kann viel Kraftaufwand nötig sien, wenn der Stativkopf schon lange auf dem Stativ montiert war und dadurch die Verschraubung sehr fest sitzt. Eine große Rohrzange oder ein stabiler Schraubstock kann dann hilfreich sein. Deren Backen polstert man am besten mit einem alten Fahrradschlauch, um das Stativ mit den Backen nicht zu verkratzen.

Nachdem der alte Kopf abgenommen ist, kann man den Getriebe-Neiger einfach mit dem 3/8″-Gewinde auf dem Stativ festschrauben und anschließend die drei Madenschreauben wieder einsetzen und festziehen, so daß sich der Stativkopf nicht bei der Benutzung selbständig vom Stativ lösen kann.

Wechsel eines Stativkopfes an einem Manfrotto-StativKarl H. Warkentin | STATIV LEXIKON
Wechsel eines Stativkopfes an einem Manfrotto-Stativ

 


Verwendung

Bevor ich weiter auf den Getriebe-Neiger eingehen möchte, sollte ich aber erst einmal die Frage klären, wofür so ein „Monstrum“ von Stativkopf überhaupt sinnvoll und nützlich ist. Bei so viel Gewicht sollte es ja auch gravierende Vorteile bei der Benzuung des Produktes geben. Und ja, die gibt es tatsächlich. Immer dann, wenn man die Kamera genau ausrichten möchte, sie beispielsweise exakt horizontal stehen soll, um stürzende Linien zu vermeiden oder wenn man einen gewünschten Bildausschnitt ganz exakt erreichen möchte, ist für mich der Getriebe-Neiger ein sehr genaues und unverzichtbares Werkzeug geworden. Damit ist schon klar, daß man einen solchen Stativkopf nicht für Portraits oder Streetfotografie einsetzt, denn für solche Motive ist die Arbeit mit ihm zu langsam. Perfekt eignet er sich allerdings für Architekturaufnahmen. Sowohl Aufnahmen von Gebäuden von aussen als auch Räume von innen können damit sehr genau ausgerichtet werden, so daß stürzende Linien und schiefe Horizonte der Vergangenheit angehören.

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Nicht nur Architekten, auch Internet-Plattformen für die Vermietung von Ferienwohnungen und Hotels bevorzugen technisch korrekte Architekturfotos. So kann sich der Kunde oder Interessent ein realistischeres Bild von dem räumlichen Gegebenheiten machen. Der Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410 macht das Fotografenleben hierbei einfacher.

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Auch bei der Landschaftsfotografie kommt es ja oft darauf an, die Kamera exakt horizontal auszurichten. Insbesondere bei Aufnahmen am Meer, bei denen man ja meist den Horizont klar erkennen kann, sollte der perfekt gerade sein. Andernfalls outet man sich als Knipser.

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Handhabung

Ein Getriebe-Neiger ist prinzipiell nichts anderes wie ein Dreiwege-Neiger. Der Unterschied besteht in der Möglichkeit, die Kamera präzise auszurichten, ohne daß sie beim Lösen der Fixierknöpfe gleich ihre Ausrichtung verliert. Stattdessen gibt es für jede der drei Richtungen, in die man die Kamera kippen, neigen und schwenken kann, einen sehr griffigen runden und gummierten Knopf, mit dem man die Kamera durch Drehen langsam und damit sehr genau in die gewünschte Position bringen kann. Will man die Kamera schneller über eine größere Distanz bewegen, dann kann man prakischerweise den zentrisch um die runde Feineinstellung positionierten „Flügelknopf“ verwenden. Er ist  aus Metall und durch eine kleine Drehung im Uhrzeigersinn gegen den Federdruck löst man die Arretierung der Kameraposition in einer der drei Richtungen und kann sie dann entweder frei schwenken, neigen oder kippen, ohne daß die Einstellungen der anderen Richtungen verändert werden. Sobald man den Knopf wieder los läßt, wird die Kamera in der gewüschten Position mittels Federkraft wieder fixiert. Feinkorrekturen macht man dann wieder mit dem runden Drehknopf. Das klingt etwas kompliziert, ist aber ganz einfach, wenn man es einmal gemacht hat. Es ist offensichtlich, daß man damit keine schnellen Kameraschwenks oder Positionsänderungen machnekann, wie sie in der Portrait- oder Wildtierfotografie benötigt werden. Das ist aber auch nicht das Einsatzgebiet eines Getriebe-Neigers.

Die auf der Oberseite des Stativkopfes befindliche Libelle (Wasserwaage) zeigt dabei die horizontale Ausrichtung an, sofern man keine digitale Wasserwaage im Sucher oder Monitor der Kamera hat. Die Libelle ist übrigens auch bei der Verwendung großer, professioneller DSLR’s, wie meiner Nikon D4 problemlos ablesbar und wird nicht vom Kameragehäuse verdeckt.

 


Stabilität

Dass der Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410 sehr robust gebaut ist, habe ich ja schon erwähnt. Ich verwende ihn mit meiner Nikon D750 mit Batteriegriff MB-D16 oder meiner Nikon D4 zusammen mit dem AF-S Nikkor 24-120 mm 4,0 G ED VR oder dem AF-S Nikkor 14-24 mm 2,8 G ED und meist mit einem Funk- oder GPS-Empfänger oder beidem. So muß der Stativkopf maximal ein Gewicht von rund 2,5 kg tragen. Das funktioniert sehr gut und ich bin mit der Stabilität zufrieden. Für längere Brennweiten und noch schwerere Objektive sollte man aber besser den größeren Manfrotto 405 Getriebe-Neiger Pro-Digital verwenden, um eine wirklich schwingungsfreie Kamerastütze zu haben.


Fazit

L-Schiene RC4 von Manfrotto
L-Schiene RC4 von Manfrotto

Für die von mir beschriebenen Verwendungen ist der Manfrotto Junior Getriebe-Neiger MA410 nach meiner Meinung hervorragend geeignet. Er läßt sich problemlos bedienen, die Einstellknöpfe sind nicht zu leicht zu drehen, um unbeabsichtigtes Verstellen wirkungsvoll zu verhindern und die Verarbeitung ist Manfrotto-typisch für die Ewigkeit gemacht. Kritikpunkte oder Verbesserungswünsche habe ich nicht gefunden. Fü mich ist das Produkt optimal. Wer einen leichteren Getriebe-Neiger für unterwegs sucht, sollte sich den Manfrotto XPRO Getriebe-Neiger aus Kunststoff anschauen, der aber auch nicht für so schwere Kamera/Objektiv-Kombinationen geeignet scheint, wie ich sie hier beschrieben habe. Für noch schwerere Ausrüstungen kommt dann der deutlich teurere Manfrotto 405 Getriebe-Neiger Pro-Digital in Frage mit einer Targkraft von 7,5 kg. Oder vielleicht doch den MA400? Aber das ist eine ganz andere Klasse …

Die perfekte Ergänzung zu dem MA410 ist für mich die L-Schiene RC4 von Manfrotto. Sie wird am Stativgewinde der Kamera befestigt und kann direkt auf den Getriebe-Neiger aufgesetzt werden. Nach entsprechender Justierung ermöglicht sie eine Drehung der Kamera um genau 180º, während die optische Achse des Objektives exakt an der gleichen Position bleibt und sich so nicht der Bildauschnitt verschiebt, wie es der Fall wäre, wenn man die Kamera nur mit der Neigefunktion des Stativkopfes in die vertikale Position bringen würde.


Technische Daten

 

Gewicht 1,22 kg
Tragkraft 5,0 kg
Kippen -30° / +90°
Neigen -90° / +30°
Schwenken 360º
Höhe 13,0 cm

 


Alle Angaben ohne Gewähr, Irrtum und Änderungen vorbehalten.