Makro-Fokusstacking in der Praxis – Richard Hellon’s Käfer-Portraits

Vor Kurzem war ich endlich mal wieder in Pembrokeshire (Wales/UK), um einige Freunde zu besuchen. Darunter war auch Richard Hellon, ein Freund und engagierter Fotograf. Er bezeichnet sich ganz bescheiden zwar als Amateur, hatte aber bereits einige Buchveröffentlichungen mit seinen Fotos.

Nachdem er im stolzen Alter von 91 Jahren nicht mehr ganz so beweglich ist, bezeichnet er sich selbst als „Armchair Photographer“, als „Sesselfotograf“. Das hält ihn aber nicht davon ab, faszinierende und hervorragende Fotos zu machen. Seine Modells sendet ihm ebay direkt in sein Tabletop-Studio. Da sie alle sehr klein sind, ist es nicht so einfach, sie im besten Licht und in perfekter Schärfe zu zeigen. Wie er Makro-Fokusstacking in der Praxis macht, möchte ich in diesem Beitrag zeigen.

Stephanorrhina guttata aus Kamerun, ca. 23 mm langKarl H. Warkentin | STATIV LEXIKON

Stephanorrhina guttata aus Kamerun, ca. 23 mm lang

 

Richard macht Makrofotos von den spektakulärsten exotischen Käfen in hervorragender Qualität mit großer Tiefenschärfe und bester Studiobeleuchtung. Um bei diesen Makroaufnahmen eine genügend große Tiefenschärfe zu erzielen, die das gesamte Tier scharf abbildet, verwendet er die Fokusstacking-Technik für die Aufnahmen. Dabei entstehen zwischen 30 und 200 Aufnahmen mit unterschiedlichen Schärfeebenen, die mit Hilfe einer geeigneten Software zu einem Bild zusammen gefügt werden. Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die trotz der bei Makroaufnahmen typischerweise sehr geringen Schärfentiefe das Motiv von Anfang bis Ende gestochen scharf abbildet.

Er bedient sich dazu zwei unterschiedlicher technischer Methoden, um das Fokusstacking zu realisieren. Auf diese Weise hat er innerhalb von zwei Jahren rund 100 unterschiedliche Käfer portraitiert.

Trachelophorus giraffa aus Madagaskar, ca 18 mm langRichard Hellon | STATIV LEXIKON

Trachelophorus giraffa aus Madagaskar, ca 18 mm lang

 

Kamerainternes Fokusstacking | Fokusstacking mit Makroschlitten | Weiteres ZubehörAblauf eines „Shootings“ | Installation WeMacro Slider | Richards AusrüstungHersteller | Weitere Informationen

 


Kamerainternes Fokusstacking

Olympus Zuiko ED 60mm F2,8 Macro
Olympus Zuiko ED 60mm F2,8 Macro

Olympus-Systemkameras erlauben dank einer integrierten Funktion Fokusstacking-Aufnahmen, ohne die Kamera selbst zwischen den einzelnen Aufnahmen bewegen zu müssen, wenn geeignete Festbrennweitenobjektive verwendet werden. Dazu benutzt er eine OM-D 5 MkII und die Olympus-Zuiko-Objektive ED 30mm F3.5 MACRO und ED 60mm F2.8 MACRO. Für die präzise Justierung des Abstands der Kamera zum Aufnahmeobjekt verwendet Richard einen Einstellschlitten von Velbon, den „Velbon Super Mag Slider“. Geeignet sind aber natürlich auch Einstellschlitten von Novoflex, Manfrotto, Meike und anderen Herstellern.

Zur Steuerung der Kamera und der Fokusstacking-Funktion kommt die kostenlose Software „Olympus Capture“ zum Einsatz.

Velbon Super Mag Slider
Velbon Super Mag Slider

Das kamerainterne Fokusstacking kann bei bestimmten Voraussetzungen auch dann verwendet werden, wenn eine spezielle Software dies ermöglicht. Eine große Anzahl an Kameras, die mit einem internen oder externen WiFi-Modul ausgestattet sind, können mit der auschschließlich für das iOS Betriebssystem (iPhone und iPad) verfügbare Programm Cascable Fokusstacking durchführen. Auch das Programm CamRanger, das für MacOS, Windows, iOS und Android verfügbar ist, bietet mit dem CamRanger-WiFi-Modul eine Fokusstacking-Funktion an.

Richard Hellon in seinem Makro-FotostudioKarl H. Warkentin | STATIV LEXIKON

Richard Hellon in seinem Makro-Fotostudio

 


Fokusstacking mit motorisiertem Makroschlitten

Sigma 105 mm F2,8 Makro EX DG OS HSM
Sigma 105 mm F2,8 Makro EX DG OS HSM

Für das ebenfalls verwendete Sigma 105 mm F2,8 Makro EX DG OS HSM Objektiv funktioniert das allerdings nicht. Dafür verwendet er einen motorisierten Makroschlitten (WeMacro Rail) mit dazugehöriger Software von WeMacro, um die Kamera entweder in Millimeter-Schritten oder in Schritten von 1/1.000 Millimeter (1µm) zum Motiv hin zu bewegen und damit unterschiedliche Fokussierungen für die einzelnen Aufnahmen zu realisieren. Er kostet etwa 300,– € inklusive Software, allen benötigten Kabeln, Netzteil etc. Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie auch für Kameras verwendet werden kann, die keine integrierte Fokusstacking-Funktion enthalten. Der Einstellschlitten wird sowohl für die Justierung der Kamera zum Objekt als auch für die schrittweise Bewegung der Kamera für das Fokusstacking verwendet.

Der WeMacro Slider und die Kamera wird mit der WeMacro Software gesteuert, die dem Slider beiliegt.

Weitere motorisierte Makroschlitten sind der StackShot von Cognysis und Castel-Micro von Novoflex sowie Produkte u. a. von StoneMaster, StackRail und MacroRail.

Zwei Aufbauten nutzt Richard, im Vodergrund der Motorslider von WeMacro, im Hintergrund der Super Mag Slider von VelbonKarl H. Warkentin | STATIV LEXIKON

Zwei Aufbauten nutzt Richard, im Vodergrund der Motorslider von WeMacro, im Hintergrund der Super Mag Slider von Velbon

 


Weiteres Zubehör

In beiden Fällen kommen, falls nötig, je nach benötigtem Vergrößerungsmaßstab Zwischenringe von Movo oder Nahlinsen von Raynox zusätzlich zum Einsatz. Ausserdem wird noch ein Kugelkopf für die Ausrichtung der Kamera benötigt.

Um das Objekt optimal auszuleuchten, verwendet Richard kleine LED-Leuchten. Zu meiner Überraschung sind es sehr preiswerte Lampen, die er von IKEA erworben hat. Es gibt sie dort unter dem Namen „Jansjö“. Da ihm das Licht dieser kleinen LED-Leuchten oft zu hart erscheint, hat er passende „Softboxen“ selbst hinzu gefügt. Dazu hat er einen Tischtennisball genau in der Mitte durchgeschnitten und die Halbkugeln mit etwas Klebeband vor den Lampen fixiert. Sie passen sehr gut und es funktioniert perfekt!

Gut erkennbar sind hier die kleinen LED-Lampen, die zur Ausleuchtung der Objekte zum Einsatz kommenKarl H. Warkentin | STATIV LEXIKON

Gut erkennbar sind hier die kleinen LED-Lampen von IKEA, die zur Ausleuchtung der Objekte zum Einsatz kommen

Um die gemachten Aufnahmen zu einem Bild zusammen zu fügen, verwendet Richard die Software „Zerene Stacker“, die es sowohl für Windows als auch das Mac Betriebssystem und Linux zu Kaufen gibt. Aber auch die Bildbearbeitungssoftware ON1 für Windows und MacOS enthält ein Fokusstacking-Modul, um zahlreiche Aufnahmen zusammen zu fügen. Um die fertigen Motive vom Hintergrund freizustellen und zu optimieren, verwendet Richard Adobe Photoshop, aber Programme wie Affinity Photo u. a. tun es ebenso einfach und gut.

Seine Modells, die Käfer selbst, bekommt er von „TheBugmaniac“ via ebay aus Frankreich. „TheBugmaniac“ hat ein umfangreiches Angebot unterschiedlichster Präparate von Käfern, Schmetterlingen, Motten und anderen Insekten.


Der Ablauf eines „Shootings“

Nachdem der bestellte Käfer bei Richard eingetroffen ist, wird dieser zunächst flexibel gemacht. Ohne diesen Vorgang würden sie bei dem Versuch, die Beinchen, Fühler oder andere Körperteile in die gewünschte Position zu bringen, abbrechen. Dazu verwendet er eine „Appendage Relaxing Fluid“ genannte Flüssigkeit. Nachdem das Präparat je nach Größe ausreichend lange (Herstellerangaben) in der Lösung aufbewahrt wurde, kann es problemlos in die gewünschte Form gebracht werden. Es wird dann an einer langen Nadel o. ä.  vom Hinterteil her aufgespießt und die Nadel dann in einem geeigneten Halter vor dem Kameraobjektiv in der gewünschten Position befestigt. Die Beleuchtung wird auf das Motiv ausgerichtet und falls möglich, auch der Hintergrund optimal ausgeleuchtet. Anschließend wird der Bildausscchnitt wie gewünscht gewählt und das Objektiv fokussiert.

Ancylonotes trubulis hieroglyphicus aus Madagaskar, Länge ca. 18 mmRichard Hellon | STATIV LEXIKON

Ancylonotes trubulis hieroglyphicus aus Madagaskar, Länge ca. 18 mm

 

Bei Verwendung eines geeigneten Olympus-Objektives wird die Kamera evtl. mit Hilfe eines Kugelkopfes auf einem Makro-Einstellschlitten von Velbon, Novoflex, Manfrotto oder andem Hersteller montiert. Nun kann die „Olympus Capture“ Software gestartet werden und die nötigen Einstellungen, wie Anzahl der Aufnahmen, Fokussierbereich usw. eingestellt. Ist alles wie gewünscht vorbereitet, kann man die Kamera mit Hilfe der Software auslösen und die voreingestellte Anzahl von Aufnahmen in dem gewünschten Fokusbereich werden automatisch aufgenommen.

Eines der größeren Modells, die vor Richards Kamera Model gestanden haben, deutlich erkennbar, ist die Nadel, der der Käfer vor dem Objektiv fixiert wirdKarl H. Warkentin | STATIV LEXIKON

Eines der größeren Modells, die vor Richards Kamera Model gestanden haben, deutlich erkennbar, ist die Nadel, mit der der Käfer vor dem Objektiv fixiert wird

Wird dagegen ein anders Objektiv oder eine Kamera verwendet, die das interne Fokusstacking nicht unterstützt, muss die Kamera auf einen motorisierten Einstellschlitten montiert werden. Nachdem auch hier Ausschnitt, Beleuchtung, Fokussierung etc. eingestellt ist, wird die Software zur Steuerung des motorischenMakroschlittens gestartet und dort die nötigen Parameter, wie Anzahl der Aufnahmen, Schrittweite, vorderer und hinterer Fokuspunkt usw. eingestellt. Auch hier wird der Aufnahmeprozess durch das Auslösen der Kamera mit der Software gestartet.

Je nach Größe und gewünschter Tiefenschärfe des Objektes werden ca. 30 – 100, manchmal auch bis zu 200 Aufnahmen angefertigt. Hat man nun alle Aufnahmen einer Serie fertig gestellt, werden diese in einer Software zusammen gefügt, die eine Funktion für das Verarbeiten von Fokusstacking-Aufnahmen enthält. Geeignet ist dafür beispielsweise „Zerene Stacker“ oder „Helicon Soft“, aber auch manche Bildbearbeitungsprogramme wie ON1 enthalten eine Funktion dafür.

Der letzte Schritt der Bildbearbeitung ist die Optimierung des Bildes und das Freistellen des Motivs in Affinity Photo oder Adobe Photoshop und voilá, ist das erste Käferportrait fertig!

INSTALLATION DES WEMACRO SLIDERS

Die Lieferung des WeMacro Slider besteht aus folgenden Teilen: Motorischer Makroschlitten, Kontrollbox, Netzteil, div. Kabel und Kleinteile.

Mit Hilfe der beiliegenden 1/4″-Schraube wird die Kamera auf dem Makroschlitten montiert, der wiederum auf einem stabilen Stativ montiert wird. Dazu besitzt er 1/4″- und 3/8″-Fotogewinde. Mit dem passenden Kabel wird der Makroschlitten mit der Kontrollbox verbunden, dem Herz des Systems. Von der Kontrollbox führt ein weiteres Kabel zum USB-Anschluss des Computers und ein weiteres mit dem beiliegenden Adapter zum Anschluss der Kamera. Dazu wählt man bei der Bestellung das für die gewünschte Kamera passende Adapterkabel aus. Schließlich wird das enthaltene und beim Bestellvorgang ausgewählte Netzteil an die Kontrollbox angeschlossen und in eine Steckdose gesteckt. Somit ist das System mit Strom versorgt und einsatzbereit. Je nach Betriebssystem muss noch die WeMacro Software zur Steuerung des Systems für Windows oder MacOS installiert werden. Es kann aber auch eine Steuerung via Bluetooth mit einer App für iOS oder Android verwendet werden, die es im Appstore oder Playstore gibt.

Pachyrrhynus reticulatus von den Phillipinen, Länge ca. 12 mmRichard Hellon | STATIV LEXIKON

Pachyrrhynus reticulatus von den Phillipinen, Länge ca. 12 mm

 


Richards Ausrüstung für Fokusstacking-Aufnahmen

Olympus OM-D 5 MkII
Olympus 60mm Makro
Olympus 30 mm Makro
Sigma 105 mm Makro
Raynox Nahlinsen
Movo Zwischenringe
Ikea Arbeitslampe „Jansjö“
Halber Tischtennisball als „Softbox“
Zerene Stacker Stacking Software
Photoshop o. ä. zum Bearbeiten und Freistellen
Velbon Super Mag Slider
Software Olympus Capture
Motorschlitten und Software WeMacro (Win, MacOS, iOS, Android).
Vanguard Kugelkopf


Hersteller-Übersicht

Einstellschlitten/Makroschlitten:

Manfrotto 454 (www.manfrotto.com)
Meike (www.meike-shop.de)
Novoflex (www.novoflex.de)
Velbon Super Mag Slider (www.velbon.de)

Motorische Einstellschlitten/Makroschlitten:

WeMacro Slider (www.wemacro.com)
StackShot (www.cognisys-inc.com)
Focus Stacking Kit (www.stackrail.info)
Vertical Macro Rail Pro (macrorail.com)
StackMaster (www.stonemaster-onlineshop.de)
Novoflex Castel-Micro (www.novoflex.de)

Acrocinus longimanus aus Peru, Länge ca. 61 mm, mit einer Ausschnittvergrößerung der OberflächeRichard Hellon | STATIV LEXIKON

Acrocinus longimanus aus Peru, Länge ca. 61 mm, mit einer Ausschnittvergrößerung der Oberfläche

Software für Fokusstacking:

Zerene Stacker (OS X, Win, Linux) (www.zerenesystems.com)
Helicon Fokus (OS X, Win) (www.heliconsoft.com)
CamRanger (OS X, Win, iOS, Android) (camranger.com)
ON 1 (OS X, Win, Bildbearbeitung mit Stacking-Funktion) (www.on1.com)

Software zum Steuern der Kamera für Fokusstacking:

Software Olympus Capture (OS X, Win 7-10, kostenlos) (www.olympus.de)
Cascable (iOS) (www.cascable.se)

Insekten und Hilfsmittel:

Insekten-Präparate (www.thebugmaniac.com)
Appendage Relaxing Fluid und Insekten-Präparate (www.insects4sale.com)

 

Nicht nur Käfer, auch Pflanzen liefern Richard interessante, kleine Motivdetails, wie hier das Kletten-Labkraut (Galiuma aparine), ca. 2 mm großRichard Hellon | STATIV LEXIKON

Nicht nur Käfer, auch Pflanzen liefern Richard interessante, kleine Motivdetails, wie hier das Kletten-Labkraut (Galiuma aparine), ca. 2 mm groß

 


Weitere Informationen zum Thema

Weitere umfangreiche Informationen zum Thema Makrofotografie, Fokusstacking usw. gibt es auf der Seite www.extreme-macro.co.uk , die vom Pentax-Ambassador Johan J. Ingles-Le Nobel betrieben wird. Ein Blick lohnt sich auf jeden Fall auch auf die Seite des schwedischen Makro-Fotografen John Hallmén mit seinen ganz hervorragenden künstlerischen Makroaufnahmen von Insekten. Einen anderen Weg geht der Brite Levon Biss, dessen Insektenfotos eine unvorstellbare Detailpräzision aufweisen. Kein Wunder, bestehen seine „Mikroskulpturen“ von Insekten doch aus 8.000 bis 10.000 Aufnahmen – für ein einziges Insekt!